Der Struwwelpeter: Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 bis 6 Jahren


 
Kulturgut tut nicht immer gut
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Zugegeben, Heinrich Hoffmann versteht mehr vom Reimen als ich. Aber dafür verstehe ich mehr vom Umgang mit Kindern, die der prominente Arzt "Zappelphilipp" nannte und heute mit dem Kürzel ADHS bezeichnet werden. Dass auch "Suppenkaspar" und "Hans-Guck-in-die-Luft" in die Umgangssprache eingingen, ist einer der Gründe, weshalb ich den Struwwelpeter mit fünf Sternen bewerte. Denn er gehört nun Mal zu unserem Kulturgut.

Bei der Beurteilung des Inhalts scheiden sich die Geister. Das zeigte auch eine Umfrage unter ZEIT-Autoren, deren Ergebnisse im Juni 2009 in einen spannenden Artikel einflossen. Die sechs Beiträge zeigen, wie sehr die Wertung eines so facettenreichen Buches von den eigenen Lebensgeschichten bestimmt wird. Jens Jessen beschwört das Sehnsuchtsbild der revolutionären Gerechtigkeit und bricht eine Lanze für Hoffmanns interne Hausordnung, weil der große Nikolaus Buben bestraft, die den Mohr auslachten, Häschen einem Jäger die Flinte entwenden können und Hunde ihre Peiniger ins Bein beißen dürfen. Elisabeth von Thadden sieht im Auftritt von Paulinchen die beiläufige Adelung des weiblichen Geschlechts und den Aufruf, die Welt zu entdecken, selbst wenn am Schluss nur noch die Pantöffelchen übrig bleiben sollten. Susanne Mayer glaubt, dass Heinrich Hoffmann seine Grenzerfahrungen als Arzt ausmalte und zeigen wollte, dass ein einziger Fehlgriff ins Verderben führen kann. Ijoma Mangold ist dem Autor und Zeichner dankbar, dass er nicht politisch korrekt war und mit seinen Gruselmärchen den Kindern die Realität aufzeigte. Ulrich Greiner gewichtet den schwarzen Humor stärker als die schwarze Pädagogik, weil anständige Witze langweilen und nichts auslösen. Und Iris Radisch konnte die Begeisterung für ein Buch, in dem kleine Kinder verbrannt werden und sich zu Tode hungern, noch nie verstehen.

Wenn ein Buch die Jahrhunderte überdauert, kann es nicht nur daran liegen, das Eltern und Grosseltern beim Schenken die Phantasie ausgeht. Ganz offensichtlich ist es Heinrich Hoffmann gelungen, mit seinen Reimen und Zeichnungen auf Archetypisches hinzuweisen, das sich pädagogisch-politischer Korrektheiten entzieht. Da die Hoffmann'schen Geschichten allerdings nur bedingt drollig und eher selten lustig sind, sollte Kindern von 3 bis 6 Jahren das Buch nicht einfach in die Hand gedrückt werden. Aber Erziehung lässt sich ja auch nicht ans Fernsehen auslagern.

Mein Fazit: Was der Arzt Heinrich Hoffmann seinem Sohn zu Weihnachten 1844 zeichnete, hat sich ins kulturelle Gedächtnis eingegraben. Wie man diese Geschichten interpretiert und welche Kindheitserinnerungen sie abrufen, bestimmt letztlich die Bewertung. Ich kann also bestens verstehen, wenn jemand die Vergabe von fünf Sternen bescheuert findet.

Eine Rezension von Fuchs Werner Dr > Zug Schweiz
vom 11. August 2009
Kundenrezensionen:
46. Weckt Kindheitserinnerungen
45. Ein Must have
44. Top Kinderbuch
43. Kulturgut tut nicht immer gut (die aktuell angezeigte Rezension)
42. Super Preis-Leistungsverhältnis!
41. Daumen ab!
40. Ein Kultbuch, das polarisiert
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